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"Mit dem Singen einen
Schlüssel zu den Herzen der Menschen" Predigt
von Pfarrerin Ursula Butz-Will anläßlich des Fest - Gottesdienstes zum 100. Chor
- Jubiläum des Gesangverein Oberlauter am 3. Mai 1992 um 10:45 Uhr in der Taubmann
- Halle in Oberlauter (unter Mitwirkung des Kammerchors Remscheid / Gus Anton
Chor). Liebe
Gemeinde! Als Jesus zu Petrus sagte: "Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel
geben" (Matth. 16,19), da muß er so einen Schlüssel gemeint haben ! (zeigt einen
ca. 1m Notenschlüssel aus Pappe) Musik erschließt das Herz, schließt die Seele
auf und die Seele ist ja schließlich der Sitz des Glaubens und sogar Gottes selbst
in uns. Die
härtesten Manager schmelzen dahin beim Klang ihrer Lieblingsmelodien und selbst
der härteste Realist entdeckt bei leiser Musik, daß da noch etwas sein muß. Wie
magisch muten uns die Lieder unserer Kindheit an. Das sind oft die frühesten Erinnerungen,
die wir haben: Klangfetzen, ein Lied, eine vertraute Stimme "Schlaf, Kindlein
schlaf" oder "Guten Abend, gute Nacht", was auch immer uns die Mutter vorgesungen
hat! Ist es ein
Wunder, daß David das Herz des schwermütigen, heute würden wir sagen, depressiven,
König Saul durch sein Saitenspiel und seine Lieder öffnen und wenigstens zeitweise
heilen konnte? Sicher nicht. Unsere Zeit entdeckt ja gerade neu in den verschiedensten
Bereichen die therapeutische Wirkung der Musik wieder. Musik für Taubstumme oder
Schwerhörige, für geistig und körperlich Behinderte und für psychisch Kranke.
Musik zur Anregung oder zur Entspannung, Musik sogar im Kuhstall, zur Steigerung
der Milchproduktion. Und in den Kaufhäusern und Supermärkten werden die gleichen
Erkenntnisse verkaufsfördernd vermarktet, indem wir mit leiser Musik aus allen
Lautsprechern berieselt werden.
Musik als Schlüssel zum Herzen und zur Seele. Da blüht der gestresste Busfahrer
auf, wenn er den Kopfhörer auf hat und im Sessel vor der Stereoanlage liegt. Und
Mister Music versüßt das Bettenmachen und Staubsaugen am Vormittag. Der Stau wird
erträglich durch das Musikprogramm im Radio und manche Jugendliche können schon
ohne Musik nicht mehr einschlafen. Was aber machen wir mit dieser Erkenntnis?
Wir lassen uns immer umfassender und immer hochwertiger mit Musik berieseln -
anstatt selber welche zu machen. Wir lassen an uns arbeiten, anstatt selber an
uns zu arbeiten. Das ist wohl der Zug der Zeit, daß wir nach Möglichkeit für uns
machen lassen, anstatt selber zu machen. Auch wenn dann auf der anderen Seite
die Sehnsucht nach echtem Erleben und nach eigener Erfahrung wächst und sich immer
mehr Menschen nicht mehr mit einem Leben aus zweiter Hand, so will ich es einmal
nennen, zufrieden geben mögen und nach Möglichkeit kreativer Selbstentfaltung
suchen. Sie könnten
es so einfach haben ! Was gibt es schöneres als selbst Musik zu machen, zu
erleben, wie ein Ton entsteht und wie sich mehrere Töne zusammenfügen zu einem
Lied, und mehrere Instrumente oder Stimmen zu einem harmonischen Klangkörper?
Da muß ich an das Bild des Apostel Paulus vom Leib Christi denken, der durch die
verschiedensten Gaben auferbaut wird. So ein mehrstimmiges Lied oder ein Kanon
oder gar eine Messe - spiegelt das nicht die Größe und die Güte unseres Gottes
in unnachahmlicher Weise wieder? Wie könnte man Gott angemessener loben und preisen
als mit einem Lied? Das älteste Glaubenszeugnis in der Bibel ist ein Lied: Das
Mirjam-Lied (2. Moses 15). Da besingt Mirjam die Größe Gottes, der sein Volk unbeschadet
durch das Schilfmeer geführt und vor den Ägyptern gerettet hat. Und denken Sie
an die Psalmen! Sind das nicht die eindruckvollsten Glaubenszeugnisse die wir
haben? Wenn Sie nur den 23. Psalm nehmen: "Der Herr ist mein Hirte", der ja auch
tausendfach vertont worden ist! Aber lassen Sie mich nach der Musik im Allgemeinen
nun etwas über das Singen im Besonderen sagen. Für
mich ist singen und ein Instrument spielen wie laufen und Fahrrad- oder Auto fahren.
Singen ist Musik direkt oder Musik pur! Da brauche ich kein Instrument, da bin
ich selbst das Instrument! Entdecken Sie die Tiefe und die Weite Ihres Bauch-
und Brustraumes und die Variationsmöglichkeiten Ihres Kehlkopfes und wie frei
das Singen den Kopf und das Herz macht! Wie beschwingt es macht und wie fröhlich.
Wie es Angst und Schwermut nimmt! Wie es uns gleichsam Flügel verleiht und
in ein anderes Land entführen kann, unsere Füße auf weiten Raum stellt, wie es
in einem Psalm heißt. Man kann schon richtig ins Schwärmen kommen, aber da bin
ich bei Ihnen ja auch an der richtigen Adresse - Sie wissen, wovon ich rede! Kommen
wir noch einmal zum Aspekt der Gemeinschaft. Nicht umsonst heißt es volkstümlich:
wo man singt, da lass` dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. Das
ist übrigens auch eine Wechselwirkung. Das Buch Sprüche nennt die Zunge als mächtigstes
Körperteil, weil sie am meisten Unheil anzurichten vermag. Das ist nur zu wahr,
finde ich! Wenn ich meine Zunge mit "Gott gefälligen Liedern trainiere" und "meine
Seele damit füttere", dann ist das eine Art "Psychohygiene", eine Reinigung für
die Seele und eine gute Übung für meine Zunge! Dann eigentlich soll es ja so sein
wie es in einem Lied unseres EKG heißt: "Ach wär ein jeder Puls ein Dank und jeder
Odem ein Gesang". Und in dem Lied "Die güldene Sonne" heißt es: "Die besten Güter
sind unsere Gemüter, dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er
sich am meisten ergötzt". Für uns Christen soll eigentlich unser ganzes Leben
ein einziger Gottesdienst sein. Und unsere vornehmliche Aufgabe dabei ist es,
Gott zu preisen mit Herzen, Mund und Händen. Für alles, was er in seiner großen
Liebe für uns getan hat (er, Jesus in der Osterzeit).
Kann man das schöner tun als mit Gesang, als mit einem Lied und das noch im
Chor? Wenn es nur immer und überall so wäre, daß jeder seinen Platz kennt, daß
alle zusammenstimmen und jeder seine Stimme einbringt für das Ganze, damit es
eine vollendete Harmonie gibt! Das Singen im Chor ist da ein Medium, das Menschen
zusammenführt und Ihnen ein wundervolles Gemeinschaftserlebnis schenkt. Sie
haben mit der Musik, mit dem Singen, mit Ihrem Chor einen Schlüssel zu den Herzen
der Menschen. Zum Zeichen dafür habe ich Ihnen diesen Schlüssel mit gebracht
und möchte ihn auch als Erinnerung und Geschenk dalassen. Jetzt wird es darauf
ankommen, was Sie damit machen! Und da möchte ich Sie auf Ihre 100-jährige Geschichte
verweisen und auf das, was Ihnen bisher wichtig gewesen ist. Singen Sie zur Ehre
Gottes und zum Wohl und zum Heil der Menschen, die bei Ihnen mitsingen und die
Menschen, für die Sie singen. Das ist der schönste Gottesdienst und ein sinnvolle
und erfüllenden Aufgabe, der Gott auch seinen Segen verheißt.
Das haben Sie in Ihrer wechselvollen Geschichte durch diese 100 Jahre ja auch
selber erleben dürfen.
| Singe, wem Gesang
gegeben, und singt dem Herrn alte und neue Lieder, das ist mein Wunsch an Sie
und für Sie auch für die Zukunft! | Amen.
Pfarrerin Ursula
Butz - Will, Nürnberg, (Pfarrerin der Reformations-Kirchengemeinde Maxfeld)
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